Interview mit Dr. Martin Grabe zum Thema “Vergebung”

Interview mit Dr. Martin Grabe zum Thema “Vergebung”

Erstellt am 26. Jan, 2010 durch Johnny in Aktuelles, Allgemein, Blog, Interviews

Ein Interview zum Thema “Vergebung“ mit Dr. Martin Grabe

Dr. med. Martin Grabe ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychotherapeutische Medizin und Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung der Klinik Hohe Mark in Oberursel. Er leitet außerdem die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS).
Bücher (Auswahl): „Lebenskunst Vergebung – Befreiender Umgang mit Verletzungen“,  „Die Alltagsfalle“ und „Trauer & Depression“, „Zeitkrankheit Burnout“ (alle im Francke-Verlag erschienen).

Was ist Vergebung? Heißt Vergebung vergessen, verdrängen oder fromm gesprochen schnell „unters Kreuz bringen“?

Nein, vergessen und verdrängen hat nichts mit Vergebung zu tun. Vergebung ist ein bewusster Akt.
Zum Stichwort „schnell“: Manchmal geht Vergebung durchaus schnell. Wenn mir jemand aus Versehen auf den Fuß tritt, gelingt es mir meistens, ihm innerhalb von Sekunden zu vergeben – ohne Heuchelei und zurückbleibenden Groll.
Leider gehen viele Verletzungen, die wir Menschen uns untereinander zufügen, allerdings tiefer, zum Teil wesentlich tiefer. Da kann es lange dauern, bis Vergebung möglich ist. Vergebung ist ein Prozess, der in einem Menschen abläuft, und der braucht manchmal seine Zeit.
Zum Stichwort „Kreuz“: ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass uns Christen da eine ganz besondere Möglichkeit des Vergebens offen steht. Etwas wirklich unters Kreuz Jesu zu bringen ist die beste Idee, die ein Mensch haben kann. Nur: das geht nicht mal eben und auch nicht auf Kommando – weil es zum Beispiel in der Gemeinde so erwartet wird. Stattdessen ist es ein Schritt des Loslassens, der sowohl Reife als auch eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus erfordert.

Wie kann man vergeben? Wie schaffe ich es, wie komme ich dazu?

Das ist eine ziemlich komplexe Frage! Ich versuche mal, mich kurz zu fassen.
Bei schwereren Kränkungen und Verletzungen ist Vergebung ein Prozess. Der Anfang ist da, wo ein Betroffener spürt, dass er den Zustand ohne Vergebung nicht mehr will. Erst dann, wenn er eine Sehnsucht nach einem Zustand ohne Groll hat, kann ein Mensch vergeben. Das ist gar nicht selbstverständlich. Ein Mensch, der verletzt wurde, durchläuft immer erstmal eine Phase, in der er sich selbst in seinem „gerechten“ Zorn in Gedanken aufwertet und den anderen herabsetzt. Wo grundsätzlich eine gute Beziehung besteht – wie in Freundschaften und Partnerschaften – kommt es darauf an, diese Phase bald wieder zu überwinden. Und beide Partner wissen auch schon während eines Streits, dass sie es eigentlich viel besser miteinander haben könnten.
Bei wirklich schweren Verletzungen allerdings geht es nicht darum, dass ein Opfer sich danach sehnt, wieder ein tolles und liebevolles Verhältnis zu dem zu haben, der ihm Böses getan hat. Aber auch da beginnt ein Vergebungsprozess erst da, wo eine Geschädigte bzw. ein Geschädigter es satt hat, immer wieder von Hass- und Rachefantasien gegen den Täter heimgesucht zu werden. Hass bindet ähnlich stark wie Liebe. Und es geht in der Vergebung darum, die Kette, die ein Opfer an den Täter fesselt, (endlich) loszuwerden.

Grundsätzlich gibt es drei Wege der Vergebung, die ein Mensch beschreiten kann.
Es sind:
a)    Das Verstehen: je mehr ich über die Hintergründe dessen verstehe, was mir da gerade ein anderer angetan hat, desto weniger halte ich es für „reine Bosheit“. Wenn ich mich um Verstehen mühe, bleibt manchmal nur noch ein kleiner Rest, den ich wirklich vergeben muss.
b)    Die Relativierung: wenn ich das Unrecht, das mir zugefügt wurde, dem Unrecht gegenüberstelle, das ich mir schon selbst in einer bestimmten Hinsicht geleistet habe, fällt mir das Vergeben leichter. Je stärker ich mich allerdings in einer Haltung der Selbstgerechtigkeit eingerichtet habe, desto weniger steht mir dieser Weg offen. Ein eindrucksvolles Beispiel für nicht gelungene Relativierung erzählt Jesus in Matthäus 18, 21 im Gleichnis von dem verschuldeten Verwalter. In diesem Gleichnis empfiehlt Jesus mehr, als eine innerweltliche Relativierung. Er schlägt vor, die gesamte, von Gott vergebene eigene Lebensschuld zum Relativieren zu benutzen.
c)    Der Ausgleich. Hier führe ich aus diesem Bereich nur die wichtigste Möglichkeit an: die Delegation der Rechtssache, die ungeklärt und vielleicht unklärbar zwischen Menschen steht, an Gott. Diese Möglichkeit steht Opfern sehr schwerer Verletzungen auch dann noch offen, wenn die beiden anderen Wege der Vergebung nicht möglich sind. In Römer 12,19 schlägt Paulus dieses Vorgehen ausdrücklich vor. Über den Weg der Delegation – vielleicht unterstützt von einem Seelsorger – haben schon viele Menschen Befreiung von negativen Gefühlen, Hass- und Rachegedanken gefunden, die sie zum Teil jahrelang verfolgt hatten.

Soviel vielleicht in aller Kürze. Natürlich brauchte man länger, um diese Wege so zu erklären, dass ein Betroffener sie wirklich gehen kann. Das habe ich in meinem Buch versucht.

Habe ich ein Recht darauf verletzt zu sein? Wieso?

Ja! Jedenfalls wenn es wirklich ein Unrecht ist, dass Ihnen angetan wurde. Aber, und das merken auf die Dauer sehr viele Betroffene, Sie werden nicht glücklich, indem Sie dieses Recht ausüben. Im Gegenteil, es führt dazu, dass Sie immer wieder kostbare Lebenszeit mit negativen Gedanken verbringen. Vergebung heißt: dieses Recht loslassen, um frei zu werden.

Wie lange hat Vergebung Zeit? Wie lange kann ich darauf warten? Kann / Darf ich warten?

Natürlich wäre es schön, wenn alle Menschen schnell vergeben könnten. Aber die Geschwindigkeit sucht sich niemand aus. Vergebung ist, wie gesagt, erst möglich, wenn ein Überdruss am Zustand des Nicht-Vergeben-Habens entstanden ist. Wenn ein Mensch beginnt, sich innerlich so nach Frieden zu sehnen, das er das Loslassen als Möglichkeit in Betracht zieht.

Wie erkenne ich, wer verletzt hat?
Ich den anderen, der andere mich oder die Vergangenheit (wenn ich z.B. Verletzer-Figuren aus meiner Kindheit in reale Personen der Gegenwart umdeute und den Blick für die Wirklichkeit verliere)? Wie erkenne ich meine (berechtigten) Ansprüche, Grenzen und Forderungen?
Wie finde ich zu meinen Gefühlen, wenn der, der an mir schuldig wurde, mir die ganze Schuld zuspricht?

Ich verstehe die Fragen so: wie bekomme ich heraus, wer objektiv wie viel Schuld in einem Streit hat, an dem ich beteiligt bin, um dann auf dieser Grundlage zu entscheiden, wo es nötig ist, zu vergeben und um Vergebung zu bitten.
Das ist leider nicht möglich! Das Gefühl des Verletztseins ist immer subjektiv. Was dem einen überhaupt nichts ausmacht, kann den anderen zutiefst kränken. Trotzdem haben beide (subjektiv) Recht. Wer schwer gekränkt ist, hat viel Vergebungsarbeit vor sich. Und es nützt ihm gar nichts, wenn andere vielleicht zur Kleinigkeit erklären, was ihm da passiert ist. Allerdings kann der Vergebungsweg der Relativierung schon dazu beitragen, ein Gegengewicht zur erlebten Kränkung zu schaffen. Trotzdem zählt für den Vergebungsprozess der subjektiv erlebte Schweregrad.

Sie sind Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung der Klinik Hohe Mark in Oberursel. Was halten Sie von biblischer Seelsorge? (Z.B. von BTS oder von der Laienseelsorge „Living Waters“?)

Viel. Für unsere Gemeinden ist es sehr nützlich, wenn es überall Menschen gibt, wo sich eine (auch geistliche) Gabe zum Zuhören mit Erfahrung und Fachkenntnis verbindet. Deshalb freue ich mich über die vielen Initiativen, auch letztere an Interessierte zu vermitteln. Wichtig ist nur, dass Seelsorger ein gutes Gefühl dafür entwickeln, wo sie Klienten an einen Facharzt oder psychologischen Psychotherapeuten weitervermitteln sollten. In der Klinik erleben wir neben sehr viel Positivem manchmal leider auch Fälle, wo das zum Schaden der Klienten nicht geklappt hat.

Wie begegnet man, wie begegnen Sie verletzten Menschen? Was ist hier das Allerwichtigste?

Ihm die Zeit zu geben, die er braucht. Ich kann von außen nicht beurteilen, wie schwer ihn eine Verletzung getroffen hat, und kann ihm deshalb keine Vorschriften machen. Gerade in Gemeinden ist es wichtig, Kontrahenden nicht von außen zu einer „christlichen Schnellversöhnung“ zu nötigen. Das würde das Problem nur auf Dauer einfrieren.
Ich kann aber darauf achten, wo es Ansätze gibt, die dem Betroffenen weiterhelfen können, auf den Wegen der Vergebung voranzukommen. Vielleicht ist es an einer Stelle möglich, den Überdruss über die blockierte Situation der Nicht-Vergebung zur Sprache zu bringen, oder vielleicht kann für zwei Kontrahenden eine gut moderierte Aussprache organisiert werden (z. B., wenn es den Ärger im Betrieb oder in einem Arbeitskreis der Gemeinde gab). Mit gut moderiert meine ich in diesem Fall, dass der Gesprächsleiter unparteiisch ist und beiden Partnern eine positive Wertschätzung entgegenbringt. Nur unter dieser Vorraussetzung kann ein Gespräch weiterführen!
Aber wie gesagt das Wichtigste: akzeptieren und aushalten, dass der Andere seine Zeit braucht – obwohl wir beide wissen, welch ein Wohltat Vergebung ist!

Die Fragen stellte Christina Hauf, SMD-Öffentlichkeitsarbeit

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